Love without limits

Erschienen am 02.08.2018


Klappentext

"Sons of Anarchy" meets "Romeo & Julia"

 

**Wenn du für die Liebe deines Lebens alles aufs Spiel setzen musst…** 

 

Kurz vor ihrer Zwangsehe verliebt sich Grace in den geheimnisvollen Biker Wyoming, der sie auf ein Leben in Freiheit hoffen lässt. Doch der Einfluss der elitären Vereinigung, die ihr gesamtes Sein kontrolliert, reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus. Unter der Führung seines Präsidenten geht der sogenannte »Gentlemen Club« sogar über Leichen, um Abtrünnige zu bestrafen. Als sich die Schlinge um den Hals der jungen Frau immer fester zuzieht, offenbart sich schließlich die dunkle Vergangenheit des Bikers. Nun muss Grace entscheiden, ob sie bereit ist dem faszinierenden Mann mit den seegrünen Augen zu vertrauen und für den Traum vom Glück ihrer beider Leben zu riskieren…


Leseprobe

Kapitel 1

Von welchem Planeten kommst du eigentlich?

»Ist das dein Ernst, Grace?« Heather beäugte skeptisch mein Outfit.

»Was stimmt damit nicht?«

»Alles!« Sie schüttelte ihren sonnenblonden Lockenkopf. »Mann, bin ich froh, dass meine Eltern mich nicht auf diese komische Privat-Uni am Arsch der Welt geschickt haben, die hat dir echt den Rest gegeben. Du läufst rum wie meine Granny.«

Ich sah sie verwundert an. Stundenlang hatte ich vor dem Spiegel gestanden und mein Ankleidezimmer in ein Schlachtfeld verwandelt, bis ich endlich fündig geworden war.

»Wir gehen nicht zu einer gesitteten Dinnerparty.« Heather senkte die Stimme und sprach im verschwörerischen Flüsterton weiter. »Das ist ein waschechtes Bikertreffen, da kannst du unmöglich im Designerkostüm mit Handtäschchen und den Familienbrillies um den Hals auftauchen.«

Ein Bikertreffen? »Ich dachte, wir bleiben hier. Auf der Einladung –«

»Natürlich stand auf der Einladung etwas anderes«, unterbrach sie mich. »Sonst hättest du wohl kaum die Erlaubnis deines Vaters bekommen.«

»Noch sind wir nicht da«, gab ich zu bedenken. »Wenn das herauskommt, stecke ich in großen Schwierigkeiten.«

»Ich weiß«, sagte sie kleinlaut.

»Dann sollten wir es lieber nicht tun.«

»Bitte, Grace! Bitte, bitte, bitte«, bettelte sie. »Du darfst mich nicht hängen lassen. Der Typ ist sowas von heiß. Ich hab fast einen Monat gebraucht, bis er mich überhaupt bemerkt hat.«

»Das spricht nicht unbedingt für ihn«, murmelte ich.

Heather verschwand aus meinem Sichtfeld und kehrte binnen Sekunden mit einigen Kleidungsstücken über dem Arm aus ihrem angrenzenden Ankleidezimmer zurück. »Hier«, lächelte sie zuckersüß, »das müsste passen. Zieh dich schnell um. In einer halben Stunde treffen wir Ray und seinen Freund in Shellam. Da lassen wir den Wagen stehen und dann geht es auf zwei Rädern weiter nach Blackborrows.« Sie kreischte leise. »Ich bin irre aufgeregt!«

»Warum so umständlich?«, fragte ich. »Wir könnten doch gleich mit dem Wagen nach Blackborrows fahren. Deine Eltern haben sicher nichts dagegen.«

Heather verdrehte ihre blaugrauen Augen. »Die nicht. Aber warum wohl?«

»Wegen der Bluthunde?«

»Auch.«

»Und … weil du auf der Maschine von dem heißen Typ mitfahren willst.«

»Genau deswegen«, grinste sie. »Und jetzt zieh dich endlich um, sonst kommen wir zu spät.«

Ich fühlte mich überrumpelt, wollte sie aber auch nicht im Stich lassen, obwohl sie es eigentlich verdient hätte. Mit gemischten Gefühlen legte ich den Schmuck ab. Danach tauschte ich das biedere Kostüm gegen Jeans, Top und Lederjacke – verbotene Kleidung, die es nirgendwo in Charity zu kaufen gab. Nur meine High Heels behielt ich an. »So besser?«

Heather neigte den Kopf zur Seite und betrachtete mich eingehend. »Noch nicht ganz. Die Gretchenfrisur muss weg.«

»Ich war extra beim Frisör«, wandte ich noch ein, doch das interessierte meine Freundin nicht. Blitzschnell machte sie sich an meinen langen blonden Haaren zu schaffen und die teure Frisur, für die ich über eine Stunde im Beautysalon gesessen hatte, war im Handumdrehen ruiniert.

»Großartig!« Resigniert schaute ich in den Ankleidespiegel. Feinsäuberlich geflochtene Zöpfe, akribisch geglättete Strähnen – alles hoffnungslos durcheinander.

»Hier!« Heather gab mir eine Bürste und ein Haargummi, dann tippte sie auf ihre Armbanduhr. »Du hast zwei Minuten.«

»Bevor ich nach Hause fahre, werde ich mich wieder umziehen und meine Haare hochstecken müssen.«

»Stimmt. Das hätte ich beinahe vergessen.« Heather faltete meine Sachen zusammen und packte sie mit den Haarnadeln und dem Schmuck in eine Tasche. »Sicherheitshalber sollten wir die Klamotten in deinem Wagen deponieren. Wer weiß, was die Nacht noch bringt?« Sie kicherte leise. »Ich garantiere für nichts.«

 

***

 

Vor der verabredeten Zeit parkte Heather ihren schneeweißen Porsche in Ufernähe des Deep River. »Sie sind bestimmt schon weg«, haspelte sie in einem Anflug von Panik, kletterte aus dem Wagen und sah sich hektisch um.

Trotz meines mulmigen Gefühls stieg ich ebenfalls aus, um Heather nicht allein im Dunkeln am Flussufer entlanglaufen zu lassen. Ganz geheuer war mir die Sache mit dem mysteriösen heißen Unbekannten und dessen Freund nicht.

»Oder er hat mich vergessen«, murmelte sie angespannt.

»Wir sind zu früh«, beruhigte ich sie. »Er hat noch vier Minuten.«

Sie zündete sich eine Zigarette an, zog dreimal daran, warf sie weg und rannte nervös über das Kiesbett.

»Was ist eigentlich los mit dir?«, fragte ich meine Freundin.

Heather nahm einen neuen Glimmstängel aus der Schachtel. Ihr Feuerzeug zippte und sie inhalierte gierig den blauen Dunst. »Ich …« Beim Sprechen kam Rauch aus ihrem Mund. »… will einfach noch was erleben, bevor ich irgendwann als Ehefrau eines perfekten Mannes mit einer Schar perfekter Kinder den ganzen Tag in einem perfekten Haus mit einem perfekten Garten ende. Ray verkörpert das krasse Gegenteil von allem, was ich bisher erlebt habe. Er steht für pures Abenteuer und … Gott, Grace, er ist so wahnsinnig sexy!«

Motorengeräusche übertönten das Rauschen des Flusses und kamen langsam näher.

»Da sind sie!« Heather ließ die brennende Kippe achtlos fallen, trat sie nicht einmal aus. Auf Knopfdruck verriegelte sich der Porsche und klappte die Seitenspiegel ein.

Die schweren Maschinen stoppten etwa drei Meter von uns entfernt. Zwei Männer saßen darauf: Stahlhelme auf dem Kopf, Tücher vor Nase und Mund wie Outlaws – mehr konnte ich bei den schlechten Lichtverhältnissen nicht erkennen.

Meine Freundin strahlte mit den beiden Scheinwerfern um die Wette und schwang sich, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen oder mich aufzuklären, mit wem ich es überhaupt zu tun hatte, hinter den etwas Breiteren der beiden Biker auf dessen Motorrad. Ray, wenn er denn wirklich so hieß, schob das Tuch von seinem Gesicht und küsste Heather. Für einige Sekunden schien er meine Freundin zu verschlingen.

Ich schluckte. Das war es also, was sie völlig aus der Bahn warf und ihr den Verstand vernebelte.

Der Typ ließ von ihr ab, zog das Tuch wieder über Mund und Nase, dann raste er davon und ich blieb mit einem Fremden, der bei laufendem Motor stoisch auf seiner Maschine saß, am Flussufer zurück. Ich wusste weder, wie er hieß, noch woher er kam. Geschweige denn, ob es sich um einen Psychopathen oder einen ganz normalen jungen Mann handelte. Alles wäre möglich gewesen.

Heathers Autoschlüssel waren in ihrer Jackentasche und ich konnte mir kein Taxi rufen, weil mein Handy in seinem Versteck unter dem Beifahrersitz meines Wagens lag und ich noch nicht einmal über einen einzigen Cent Bargeld verfügte. Vor wenigen Tagen war ich 21 geworden und wir lebten im 21. Jahrhundert, dennoch stand mir beides als Frau laut dem Reglement der Gemeinschaft nicht zu. Mir blieb also nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Warten oder zu einem Fremden aufs Motorrad steigen.

»Ich garantiere für nichts«, wiederholte ich flüsternd die Worte meiner Freundin. »Ganz toll, Heather.« Tief durchatmend straffte ich die Schultern, bevor ich todesmutig auf den Maskenmann zuging und ihn ansprach. »Du, ähm … bist also Rays Freund«, nuschelte ich nervös.

Der Fremde blieb nicht nur namenlos, sondern auch noch stumm.

»Ich … ich bin Grace.«

Er sah mich nicht an, stattdessen deutete er mit einer knappen Kopfbewegung hinter sich.

Sein Verhalten verunsicherte mich, aber Männern zu widersprechen oder sich gar deren Willen zu widersetzen, war etwas, das in meiner Welt nicht geduldet wurde. Hin und her gerissen entschied ich mich mit dem Fremden zu fahren, und überbrückte zögernd das letzte bisschen Distanz zwischen uns. Seltsamerweise verschwand meine Unsicherheit mitsamt allen Bedenken, als ich die Hand auf seine Schulter legte und hinter ihn auf die Maschine stieg. Irgendetwas tief in meinem Innern sagte mir, dass keine Gefahr von ihm ausging.

Wortlos zog er sich den Stahlhelm vom Kopf, drehte sich ein wenig und gab ihn mir – eine unerwartete Geste, die mir endgültig die Scheu vor ihm nahm. Soweit es sich im auslaufenden Lichtschein einer Straßenlaterne erahnen ließ, waren seine Haare dunkelblond und reichten tief in den Nacken. Sein Profil zeigte keinerlei Auffälligkeiten, nur oberhalb des linken Wangenknochens zeichnete sich eine kleine Narbe ab, nichts deutete auf eine Verbrechervisage hin.

Wenn er vorhätte, mir etwas anzutun, wäre er bestimmt nicht um meine Sicherheit besorgt. Auch wenn ich mir selbst gut zuredete, kroch Adrenalin durch meine Venen und löste ein unruhiges Gefühl in meiner Magengegend aus. Mir war vollkommen klar, wie viele Regeln ich binnen kürzester Zeit bereits verletzt hatte.

Ganz langsam fuhr der Schweigsame an und ließ mir dadurch keine Zeit mehr zu überlegen, mich vielleicht noch anders zu entscheiden. Hastig setzte ich den Helm auf, drückte die Kinnschließe zusammen und klammerte mich so fest es ging an den Fremden. Dann gab er richtig Gas.

Der laue Sommerwind wurde kühl, blies mir scharf ins Gesicht und trieb mir Tränen in die Augen. Mein Körper bebte, befand sich in einem Zustand, den ich zuvor noch nie erlebt hatte. Ich wusste nichts mehr, spürte nur noch seine Wärme unter meinen Händen und wie das Blut immer schneller durch meine Venen preschte.

 

***

 

Auf dem Gelände einer stillgelegten Fabrik drosselte Rays Freund sein Bike. Der Geruch von Benzin, Rauch und verbranntem Gummi lag in der Luft. Es war laut, die Musik aufpeitschend. Nobody stoppte schließlich neben einer endlos langen Reihe von Motorrädern unterschiedlicher Hersteller. Vornehmlich Harley-Davidson. Allesamt schwarz. Mit und ohne Chrom. Hunderte Menschen bewegten sich vollkommen frei über den Asphalt. Jeans, Leder und tätowierte Haut, soweit das Auge reichte. Ein unglaubliches Bild. Zumindest für mich, da ich nur gepflegte Einheitskleidung und züchtiges Benehmen kannte.

Mein Fahrer verhielt sich weiterhin stumm, verlor nicht ein einziges Wort.

Ich kletterte von der Maschine, wusste nicht wohin mit mir und blieb einfach daneben stehen. Im flackernden Schein einiger Feuertonnen konnte ich in Schulterhöhe den gotischen Schriftzug Guardians auf der schwarzen Lederweste erkennen, die er über einem dunkelgrauen Hoodie trug. Darunter befand sich das Bild eines kampfbereiten Wächters in bodenlangem Gewand, das Gesicht von einer Kapuze verhüllt, und ein weiteres Wort: Northwest.

Er musste längst bemerkt haben, dass ich ihn beobachtete, ungeachtet dessen blieb er wie in Stein gemeißelt auf seinem Motorrad sitzen.

Das Schweigen zwischen uns wurde mir unangenehm, bedrückte mich und verdrängte die Faszination des Geheimnisvollen. Es schnürte mir die Kehle zu. Ich wollte weg, meine Freundin finden und die Nacht einfach nur irgendwie hinter mich bringen. Möglichst ohne dabei erwischt zu werden.

Ungeduldig fingerte ich an dem Kinnverschluss des Helms herum, bekam ihn aber nicht auf, und je angestrengter ich es versuchte, desto mehr verhakte sich die Schließe. Geh auf! Komm schon, bitte …

 

Mein Fahrer stieg ab, bockte sein Bike auf, sicherte es und wandte sich mir zu. Trotz meiner hohen Absätze musste ich den Kopf in den Nacken legen, um in sein halb vermummtes Gesicht sehen zu können. Er beugte sich zu mir, hielt die Lider konzentriert gesenkt. Zwei unwirsche Handbewegungen, ein einziger Wimpernschlag – und der Stahlhelm baumelte am Lenker des Motorrads.

Der Guardian ging auf Abstand, kehrte mir den Rücken zu und zog sich im Gehen das schwarze Tuch von Nase und Mund, dann fuhr er mit den Händen durch seine Haare.

»Danke«, sagte ich wegen des Lärms so laut wie möglich.

Er drehte sich nicht um, nickte bloß knapp und ließ mich stehen. Es brauchte einige Sekunden, bis ich realisierte, dass ich tatsächlich auf mich allein gestellt war und es niemanden an meiner Seite gab, der mir Sicherheit auf unsicherem Terrain vermittelte.

Verloren irrte ich zwischen Feuertonnen, spärlich bekleideten Frauen und Bikern, die allesamt denselben Rückenaufnäher wie mein namenloser Fahrer trugen, auf dem weitläufigen Gelände umher und suchte nach Heather. Wenngleich ich mich bemühte, niemandem nahe zu kommen, ließ es sich nicht immer vermeiden. Es war alles andere als leicht, den hartgesottenen Kerlen auszuweichen, wenn sie sich einen Spaß daraus machten, mir den Weg zu versperren und eindeutige Angebote mit unmissverständlichen Gesten unterbreiteten, die mir brennende Schamesröte ins Gesicht trieben.

Raues Gelächter, harte Beats, tätowierte Muskelmassen, verwegene Gesichter, heiße Küsse in dunklen Ecken, rauch- und alkoholgeschwängerte Luft empfingen mich, als ich die Fabrikhalle betrat – jede Orgie im alten Rom wäre dagegen verblasst. Ich wollte nicht hinsehen, tat es aber. Es stieß mich ab, lockte mich an, erschien mir fremd und faszinierte mich gleichermaßen. Das Andersartige zog mich wie ein reißender Strudel mit sich und machte mir die Gegensätzlichkeit zu meiner eigenen Welt mehr denn je bewusst.

Guardians aus verschiedenen Himmelsrichtungen hatten sich an diesem Ort fernab der Öffentlichkeit versammelt und zelebrierten das Leben auf seine ureigenste Art. Frei. Ungezwungen. Wild. Leidenschaftlich. Pure Lebenslust, von der ich nicht einmal zu träumen wagte. Ich beneidete sie. Jeden einzelnen von ihnen. Alle.

Schlussendlich gab ich die hoffnungslose Suche nach meiner Freundin auf und fand mich mit der Extremsituation ab. Es war unwahrscheinlich, dass ich jemals wieder Teil eines solchen Events sein würde und mich benehmen konnte, wie ich wollte oder wie ich mich gerade fühlte.

Gedanklich malte ich mir die entsetzten Gesichter meiner erzkonservativen Eltern aus und stahl mir im Vorbeigehen ein Bier aus einer Eistonne. Normalerweise trank ich keinen Alkohol – ein striktes Verbot – doch die Versuchung war zu groß. Dennoch zögerte ich einen Moment, drehte die Flasche in meiner Hand und schaute mich verstohlen um, weil ich mich seltsam beobachtet fühlte. Dem war jedoch nicht so. Niemand störte sich daran.

Der Kronkorken stellte mich vor ein Problem, dem ich ohne Öffner nicht gewachsen war. Bei einem ungeschickten Versuch, es einer der Bikerbräute nachzumachen, brach ich mir beinahe die Knochen an einer Mauerkante und das Bier blieb verkorkt.

Ein unrasierter dunkelhaariger Typ baute sich vor mir auf, nahm die Flasche aus meiner schmerzfreien Hand, klemmte sich den Verschluss zwischen die Zähne, biss das Ding einfach ab und spuckte es auf den Boden. »Hier!«

»Danke«, murmelte ich.

Der durchdringende Blick seiner kastanienbraunen Augen, die mich in allen Einzelheiten abzuscannen schienen, brachte mich in Verlegenheit. Er stieß mit seiner halbvollen Flasche gegen meine, danach leerte er seine in einem Zug.

Ich nahm einen kleinen Schluck und noch einen und noch einen. Kühl, prickelnd und irgendwie bitter, aber auch gut.

»Mit wem bist du hier, Blondie?«, wollte der Dunkelhaarige wissen.

»Mit meiner Freundin, Ray und einem –«

»Ah … ein Back Warmer«, fiel er mir ins Wort.

»Was ist das?«, fragte ich irritiert.

»Egal«, grinste er. »Komm mit.«

»Wohin?«

Er deutete mit einer kurzen Kopfbewegung zu der wild zuckenden Menge. »Dahin.«

Vielleicht kann er mir ja helfen Heather zu finden und sie dazu bewegen, mit mir nach Hause zu fahren. Ich schaute mich um, suchte nach einer Abstellmöglichkeit für die Flasche, fand jedoch keine. »Was mache ich mit dem Bier?«

»Austrinken oder mitnehmen.«

»Alles auf einmal?«

»Hier gibt’s keine Limits, Babe.« Seine dunklen Augen scannten mich erneut. »Weder beim Alkohol noch bei allem anderen, wenn du verstehst, was ich meine.«

Obwohl mir sein Verhalten höchst rätselhaft erschien, setzte ich die Flasche an den Mund und trank sie bis auf den letzten Tropfen aus. Schwindel überkam mich. Nervös folgte ich dem Biker zu den Tanzenden, die sich zu einem undefinierbaren, ansteckenden Sound bewegten. Minutenlang hemmte mich meine strenge Erziehung loszulassen und zu vergessen, woher ich kam. In meinem Kopf wirbelten all die Verbote umher, die mich zur sittsamen Frau eines Mannes machen sollten, den meine Eltern bestimmten.

Ob meine beiden Schwestern glücklich mit dieser Wahl waren, konnte ich trotz berechtigter Zweifel nicht mit Bestimmtheit ausschließen, dafür sahen wir uns viel zu selten, und Gefühle trugen Frauen in unseren Kreisen nicht nach außen. Genaugenommen wurden sie unterdrückt, wie alles andere auch. Mir war nur aufgefallen, dass Faith bei meiner Rückkehr aus St. Maries mit verweinten Augen im Arbeitszimmer unseres Vaters gesessen hatte und Hope seit ihrer Eheschließung permanent schwanger war. Beide machten einen unglücklichen Eindruck auf mich. Sie lächelten nicht mehr, wenn sie sich unbeobachtet fühlten, und das Leuchten in ihren Augen war verschwunden.

Die Beats wurden lauter, härter, noch aufpeitschender. Ich wollte tanzen, unbedingt, doch verwirrte es mich, inmitten ungezügelter Bewegungen zu stehen. Es gab keine förmliche Haltung, keinen Abstand, nichts, was ich auch nur ansatzweise im Tanzunterricht gelernt hatte. Schwitzende Körper rieben sich hemmungslos aneinander. Die gesamte Halle lebte und erbebte. Zigarettenglut leuchtete auf wie blutrote Glühwürmchen, Flaschen machten die Runde, kreisten durch die Menge. Eine davon verirrte sich zu uns.

»Nimm einen kräftigen Schluck«, brummte mir der Dunkelhaarige ins Ohr. »Das Zeug zieht dir endgültig den Stock aus dem Arsch.«

Seine direkte Art schockierte mich im ersten Moment, sorgte aber auch dafür, dass Daddys letzte Prinzessin ihr Krönchen in die Ecke schleuderte. Trotzig setzte ich die Flasche an den Mund, schloss die Augen und trank. Schmecken konnte ich nichts, dafür brannte es viel zu sehr. Jeder weitere Schluck vernebelte meine Sicht auf die Realität und ließ all meine auferlegten und erzwungenen Grenzen aufweichen, während sich mein Körper dem ansteckenden Sound ergab.

 

***

 

Im Eingangsbereich, ein wenig abseits der feiernden Menge, lehnte ich mit dem Rücken an einer Wand. Den Großteil des Alkohols hatte ich wieder ausgeschwitzt, doch es herrschte immer noch Leichtsinn in meinem Kopf. Ich summte vor mich hin, bewegte die Füße zum Takt der Musik, fühlte mich auf gewisse Weise unsterblich. Von meiner Freundin fehlte zwar nach wie vor jede Spur, aber selbst das kümmerte mich in diesem Moment nicht. Ich war frei, hatte meine Fesseln abgeschüttelt und nichts anderes zählte.

Der Dunkelhaarige nahm eine trichterförmige Zigarette aus der Innentasche seiner Jacke und zündete sie an. Er inhalierte den Dampf und blies mir die Rauchwolke ins Gesicht. Der Geruch von verbrannten Tannennadeln kroch mir in die Nase.

»Nimm einen Zug«, verlangte er heiser.

Ich schüttelte den Kopf »Lieber n–«

Er kümmerte sich nicht um meinen Einwand und klemmte mir die selbstgedrehte Zigarette noch während ich sprach zwischen die Lippen. Es war nichts Neues für mich, dass mein Wille ignoriert wurde und ich die Gegebenheiten hinnehmen musste. Widerstandslos fügte ich mich, inhalierte einen schwachen Hauch des Rauches, der ähnlich schmeckte, wie er roch, und sogleich einen heftigen Hustenanfall auslöste.

Der Biker lachte hart, nahm den Glimmstängel aus meiner Hand und rauchte allein weiter. Vier kräftige Züge, die Glut fraß sich fast bis zu seinen Fingern hoch, dann ließ er die Kippe fallen und kam mir näher. Zu nah. Er drückte mich mit seinem massigen Körper gegen die raue Wand, seine Hände bewegten sich besitzergreifend über meinen Körper.

Vor Schreck konnte ich mich kaum bewegen, verfiel sekundenlang in eine Art Schockstarre und mir blieb die Luft weg. »Bitte nicht«, keuchte ich.

»Weshalb bist du sonst hier, Babe?«

Ich spürte seinen unangenehmen Alkoholatem auf meiner Haut und seine schwitzigen Hände, die unter mein Shirt krochen. Niemand störte sich daran. Mit aller Kraft stemmte ich mich gegen seine Brust und versuchte ihn wegzustoßen. Er rührte sich keinen Zentimeter. Meine Gegenwehr schien ihn nur noch mehr anzuspornen, sein Griff wurde fester und seine Lippen pressten sich hart auf meinen Hals. Als mir meine hoffnungslose Unterlegenheit bewusst wurde, bekam ich Angst. Wahnsinnige Angst.

»Lass sie los, Maroon!«, grollte es plötzlich aus dem Nichts heraus.

Der Dunkelhaarige blieb unbeeindruckt davon. »Verpiss dich!« Er ließ nicht locker und war im Begriff, mir gewaltsam die Jeans zu öffnen.

Im nächsten Moment wurde Maroon nach hinten gerissen. Ein dumpfer Schlag war schwach zu hören und der widerliche Kerl ging zu Boden.

Mit zornigem Blick rappelte er sich auf, rieb sich übers Kinn und spuckte blutigen Speichel aus. Dann ging er wie ein wildgewordener Stier auf meinen Retter los. Dieser fackelte nicht lange, packte blitzschnell mit beiden Händen den Nacken seines Gegners und verpasste ihm mit der Stirn einen brutal harten Stoß aufs Nasenbein. Blut floss augenblicklich. Keuchend taumelte Maroon zurück. Flaschen zerbrachen. Grölendes Gejohle übertönte kurzzeitig die Musik.

Verängstigt drückte ich mich gegen die Wand. Der Restalkohol in meinen Adern hatte sich von einer Sekunde auf die andere verflüchtigt. Mir schlug das Herz bis zum Hals und weit darüber hinaus. Ich wusste nicht, wohin mit mir, hatte die gesamte Situation unterschätzt und war dadurch in eine gefährliche Lage geraten, die ich kaum unbeschadet überstanden hätte, wäre der Unbekannte nicht aufgetaucht, um mir zu helfen.

Mein Beschützer legte mir wortlos den Arm um die Schultern und führte mich aus der Gefahrenzone. Ich wehrte mich nicht dagegen, wollte nur weg, folgte ihm wie in Trance durch die schmale Menschengasse, die sich vor ihm bildete, bis wir von wutschnaubenden Schritten eingeholt wurden und er gezwungen war mich loszulassen.

Er schnellte herum, drückte Maroon mit der linken Hand den Hals zu und zückte mit der rechten ein Messer, das er an die Kehle des Angreifers setzte. »Rührst du sie noch einmal an«, zischte er ihm bedrohlich zu, »schlitze ich dich vom Scheitel bis zur Sohle auf.«

»Alles gut, Bro.« Maroon hob beschwichtigend die Hände. »Ich … wusste nicht, dass sie … dir gehört, Wy«, brachte er mühsam hervor.

»Jetzt weißt du es!«, gab mein Retter eiskalt zurück. »Und du solltest es nicht wieder vergessen!«

»Werd ich nicht, Bro, werd ich nicht …«

Wy nahm das Messer von Maroons Kehle, ergriff meinen Arm und schleifte mich durch die Menge hindurch von meiner unberechenbaren Bekanntschaft weg.

Dunkelblondes, schulterlanges Haar, eine kleine Narbe oberhalb des linken Wangenknochens – Rays Freund war mein Schutzengel.

»Wohin bringst du mich?«, fragte ich atemlos.

»Zu deiner Freundin«, erwiderte er.

Am anderen Ende der Halle blieb er stehen, hielt mich allerdings weiter fest. Von Heather konnte ich durch das Gedränge kaum etwas erkennen. Ihre Hand mit den graulackierten Fingernägeln und dem Ring, dessen auffällig verschnörkeltes H sich wie eine hauchdünne Schlange um ihren Ringfinger schlängelte, lag auf einem Rücken, den ich Ray zuordnete. Ein Herankommen an sie blieb mir unmöglich.

Wy klopfte dem Muskelbollwerk vor Heather auf die Schulter. Unwillig ließ Ray von ihr ab und drehte sich um. Was die beiden besprachen, konnte ich wegen der Musik nicht verstehen. Das änderte sich, als mich jemand grob anrempelte und ich gegen den Mann prallte, der mich am Arm festhielt. Instinktiv zog er mich näher an sich und ich hörte zwangsläufig mit. »… den Babysitter zu spielen. Sieh dir die Kleine an, da ist Ärger vorprogrammiert. Maroon hat sie schon angetestet.«

»Gib mir zwei Stunden, damit sich der Aufriss lohnt«, sagte Ray, »dann bringen wir sie zurück zum Deep, und bis dahin …« Er machte eine kurze Pause, musterte mich und seine Stimme wurde zu einem Flüstern, dessen Inhalt mir verborgen blieb.

»Zwei Stunden. Keine Minute länger!«, erwiderte mein Anker im wogenden Menschenmeer ernst.

Ray nickte, kehrte uns den Rücken zu und widmete sich wieder meiner Freundin, die immer noch nicht bemerkt hatte, dass ich keine zwei Meter von ihr entfernt stand.

Wys Blick schweifte in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Seine Kiefermuskulatur zuckte vor Anspannung. »Dort lang«, brummte er.

Da ich nicht riskieren wollte wieder in die Fänge von diesem Maroon zu geraten, blieb mir nichts anderes übrig, als ihn zu begleiten. Heather war anderweitig beschäftigt und ich wollte ihr den Abend nicht ruinieren, auch wenn ich mich mittlerweile fragte, warum sie sich nicht allein mit Ray getroffen hatte.

Wy ließ meinen Arm los und ergriff meine Hand. Ein merkwürdig angenehmes Gefühl ging von seiner Berührung aus und waberte unaufhaltsam durch meinen Körper. Er führte mich an breitschultrigen Männern und dazugehörigen Frauen vorbei. Mehrfach begrüßte er andere Guardians, die ihm der Gestik und Mimik nach bekannt waren, verharrte kurz und wechselte ein paar Worte mit ihnen.

Der Hinterausgang wurde von einer Schwarzhaarigen mit endlos langen, teils tätowierten Beinen versperrt, die ihm ein strahlendes Lächeln schenkte. Ihre Arme wickelten sich sogleich um seinen Hals. Sie wollte ihn küssen, doch er schob sie genervt von sich. »Nicht jetzt, Laurie!«

Das Lächeln auf dem stark geschminkten Gesicht erstarrte augenblicklich, wurde zu einer erzürnten Grimasse, als sie mich hinter seinem Rücken entdeckte. »Was wird das, Wy? Erst ich, dann sie? Wer kommt danach? Vielleicht wir beide zusammen?«, giftete sie verärgert und bedachte mich mit einem tötenden Blick.

»Lass mich durch!«, erwiderte er harsch.

Der Vamp warf mit einer Grabesmiene die hüftlangen Haare in den Nacken, reckte arrogant den Kopf und verschwand zähneknirschend aus unserem Sichtfeld.

Wy zeigte sich unbeeindruckt davon, drückte die Stahltür auf und schob mich nach draußen. Krachend schlug sie hinter uns zu.

»War das deine … Freundin?«, fragte ich leise.

»Laurie ist jedermanns Freundin, solange sie niemandes Old Lady ist.«

»Dafür ist sie doch noch viel zu jung.«

»Das hat nichts mit dem Alter zu tun.« Er ging zielstrebig eine meterlange Laderampe entlang, die von hektisch flackernden Leuchtstoffröhren weitestgehend erhellt wurde, und stoppte erst am Ende der Erhöhung.

»Ist Wy dein richtiger Name?«

»Es ist die Abkürzung für Wyoming.«

»Du heißt also Wyoming?«

»Ich komme aus Wyoming.«

»Ist das ein Sp–«

»Stellst du immer so viele Fragen?«, unterbrach er mich. Im nächsten Moment sprang er von der Rampe. Unten angekommen drehte er sich um und breitete die Arme aus. »Spring! Ich fang dich auf.«

Ich zögerte und schaute mich nach einer anderen Möglichkeit um, von der Erhöhung herunterzukommen, aber da war nichts.

»Vertrau mir!«

Umständlich ging ich in die Knie und setzte mich auf die Kante der Laderampe. Wyoming kam einen Schritt näher. Mit den Händen drückte ich mich von der schmutzigen Betonplatte ab, verlor den Halt, hoffte inständig, er würde mich auch wirklich auffangen, ohne dass ich mir in den hohen Schuhen die Knöchel brach, und fand mich zu meiner Erleichterung sicher in seinen Armen wieder.

Meine Nasenspitze berührte seine Wange. Der Geruch von Süßholz, vermischt mit Leder und Minze ging von ihm aus, umschmeichelte mich wie ein betörendes Aphrodisiakum. Ich senkte die Lider, seufzte leise auf, verinnerlichte das Andersartige, Verbotene und doch so seltsam Vertraute. Er hielt mich. Ich spürte seinen unruhigen Herzschlag, öffnete die Augen und dann begegneten sich zum ersten Mal unsere Blicke. Tiefes Seegrün nahm mich gefangen, hielt mich genauso fest wie seine starken Arme.

Mir stockte der Atem und mich überkam eine unglaubliche Angst, dass mein Herz aufhören würde zu schlagen, sobald er mich losließ. Mein Körper spielte verrückt, meine Empfindungen ebenso. Es gab kaum Worte, die ausreichten, um annähernd zu beschreiben, was die innige Nähe zu ihm auslöste. Ich fühlte mich vollständig, spürte, dass es Mächte zwischen Himmel und Erde gab, die zusammengeführt hatten, was zusammengehörte.

Zögernd setzte er mich ab. Mein Herz schlug wider Erwarten weiter, einzig die Stellen, an denen er mich berührt hatte, wurden von unangenehmer Kälte heimgesucht. Ich fror, obwohl wir von lauwarmer Sommernachtluft umgeben waren.

»Du und deine Freundin steht also auf harte Jungs.« Es war keine Frage, vielmehr eine nüchterne Feststellung, die den zerbrechlichen Augenblick in seine Einzelteile zerfallen ließ.

»Ja … nein …«, druckste ich verunsichert herum.

Er schüttelte den Kopf und gab einen verächtlichen Zischlaut von sich. »Es ist immer dasselbe. Ihr wollt aus eurem goldenen Käfig ausbrechen und habt keine Ahnung, worauf ihr euch einlasst.«

»So … so ist es nicht …«, versuchte ich mich zu rechtfertigen.

Seine Miene verfinsterte sich und seine Stimme wurde dunkler. »Was denkst du, wie die Nacht für dich geendet hätte, wenn ich nicht aufgetaucht wäre, Grace?«

Die Freude darüber, dass er meinen Namen nicht vergessen hatte, verwehte mit dem nächsten Windhauch. »Böse …«, murmelte ich niedergeschlagen, in dem Bewusstsein, dass er mit allem recht hatte. Es war dumm von mir gewesen, mich auf ein Spiel einzulassen, dessen Regeln ich nicht beherrschte.

»Und es ist noch nicht vorbei«, sagte er ernst. »Maroon gehört zu den South-Guardians und mit denen ist nicht zu spaßen. Ich habe mich wegen dir verdammt weit aus dem Fenster gelehnt. Wenn wir die nächsten zwei Stunden ungeschoren davonkommen wollen, müssen wir eine glaubhafte Show abliefern.«

»Sollte ich Angst haben?«

»Nicht solange du an meiner Seite bleibst und tust, was ich dir sage.«

Ich schluckte hart. »Was ist mit Heather?«, fragte ich in einem Anflug von aufsteigender Panik.

»Mach dir um deine Freundin keine Sorgen. Sie ist bei Ray gut aufgehoben.«

»Okay«, seufzte ich, wohlwissend, dass mir keine andere Wahl blieb. »Alles, was du sagst …«

»Öffne deinen Zopf und zieh das Shirt aus der Jeans.«

»Wieso?«, fragte ich irritiert.

Er trat näher an mich heran, löste das Gummiband an meinem Hinterkopf und fuhr mehrfach mit den Händen durch meine Haare. »Weil du nicht mehr so brav aussehen würdest, wenn wir getan hätten, wovon sie ausgehen sollen.«

Ich hielt den Atem an und zog den Bauch ein, während er unter sanfter Gewalt das Top aus dem Jeansbund zerrte. »Was getan?«, hauchte ich mit nervös bebender Stimme.

Wyoming schaute mich von oben herab skeptisch an. Eine Art Lächeln umspielte seine vollen Lippen. »Von welchem Planeten kommst du eigentlich?«

»Wie meinst –«

»Vergiss es«, fiel er mir ins Wort. »Lass uns gehen.«

Er legte den Arm um meine Schultern und führte mich an der Fabrikhalle vorbei in einen abgelegenen Teil des Geländes zu einem steinernen Flachbau. Dort war es deutlich ruhiger. Einige Biker mit und ohne Frauen standen um eine Feuertonne herum. Sie tranken, redeten, hörten Musik und lachten entspannt.

Positive Energie lag in der Luft. Ich kannte weder den Mann neben mir noch all die anderen, dennoch spürte ich, dass mir in ihrer Mitte nichts Schlimmes widerfahren würde.

»Stress gehabt, Bro?«, fragte ein braunhaariger Guardian mit kindlich blauen Augen.

»Maroon«, antwortete Wyoming.

»Wegen der Kleinen?« Der Braunhaarige schenkte mir ein freundliches Lächeln.

»Hm«, brummte es neben mir.

»Wo steckt Ray?«

»Wahrscheinlich mit dem besten Teil in der reichen Mama, die er vorhin angeschleppt hat«, gab ein fülliger Mann mit brustlangem rotem Kinnbart von sich.

Raues Gelächter brach aus. Flaschen stießen gegeneinander.

Mama? Damit konnte nur Heather gemeint sein. »Sie hat keine Kinder«, erklärte ich.

Das Gelächter wurde noch lauter.

»Geiler Spruch!«, zwinkerte mir der Braunhaarige zu.

»Alle Frauen, die sich hier herumtreiben und nicht in festen Händen sind, werden so bezeichnet«, klärte Wyoming mich im Flüsterton auf. »Sie sind Freiwild, jeder kann sie haben.«

»Dann bin ich auch … Freiwild?«

»Ja.«

»Und du hast die Regeln meinetwegen gebrochen?«

»Ich hatte kein Recht dazu, mich einzumischen.«

Mit einem Mal ergab sein seltsames Verhalten einen Sinn. Ich verstand seine anfänglich ablehnende Haltung und was er mit glaubhafte Show abliefern gemeint hatte. »Es tut mir leid, dass ich dich in Schwierigkeiten gebracht habe«, murmelte ich leise. »Das wollte ich nicht.«

Er nickte. »Schon okay.«

Der Braunhaarige hielt Wyoming ein Bier hin.

»Später, Sam«, lehnte mein Beschützer ab. »Bis die Kleine sicher zu Hause ist, brauch ich einen klaren Kopf, aber lasst mir was übrig.«

»Immer doch«, grinste Sam und wandte sich an mich. »Was ist mit dir?«

»Ein Wasser bitte.«

Sam schaute mich an, als hätte ich etwas Verbotenes gesagt. »Die Frau mit den krass blauen Augen haut Sachen raus, da bleibt mir die Spucke weg.« Er räusperte sich hart. »Jetzt mal im Ernst. Was willst du trinken?«

»Eine … Cola?«

»Sie weiß einfach nicht, was gut für sie ist«, schmunzelte Sam. »Cyclope?«, rief er gleich danach einem kahlrasierten Guardian mit Augenklappe zu. »Hast du noch ’ne braune Kinderbrause für Angeleyes?«

»Meint er mich damit?«, fragte ich überrascht.

»Sieht ganz so aus«, antwortete Wyoming und bemühte sich ein Grinsen zu unterdrücken.

Der Einäugige griff hinter sich und warf Sam eine Dose zu, die er mit einer Hand auffing und an mich weitergab.

Beim Öffnen zischte es laut, die Cola sprudelte über. Ich schlürfte den Schaum ab, trank einige Schlucke, genoss die unbekannte süßlich prickelnde Geschmacksexplosion der ersten Coke meines Lebens und sah auf zu Wyoming. Sein Alter ließ sich schwer schätzen, wahrscheinlich war er Mitte zwanzig, viel älter konnte er nicht sein. Im Schein des Feuers betrachtete ich seine edlen Gesichtszüge, die Narbe oberhalb des Wangenknochens, deren Entstehungsgeschichte ich gerne erfahren hätte, seine gerade Nase, die ihm durch den kaum sichtbaren Stups am Ende etwas Weiches und irgendwie auch Verletzliches verlieh, seinen Mund mit der sanft geschwungenen Oberlippe, die ein wenig kleiner zu sein schien als ihr Gegenstück.

Ein aufregendes Kribbeln floss durch meinen Körper, entfachte ungekannte Sehnsüchte und verstärkte sich, während er meinen Blick sekundenlang erwiderte. Unergründliche Augen ruhten auf mir, hoben meine Welt vollständig aus ihren Angeln. Ich spürte, wie sich mein Herzschlag drastisch beschleunigte und das Blut in meinen Adern zum Pulsieren brachte. Was auch immer durch ihn mit mir geschah, ich wollte dieses völlig neue und intensive Gefühl bewahren, es festhalten, kostete es mich, was es wolle. Von ihm geküsst zu werden, war das Einzige, woran ich noch denken konnte.

»Ihr steht unter Beobachtung. Match und Blue haben euch im Visier«, kam es mit einem dezenten Nicken Richtung Fabrikhalle von Sam.

Wyomings Umarmung verfestigte sich, dann spähte er unauffällig über seine Schulter hinweg nach hinten, ehe er sich wieder mir zuwandte. »Denk daran, was ich dir vorhin gesagt habe, Grace.«

»Ja.« Ich schluckte nervös, weil ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte, was er von mir erwartete.

»Nicht so verkrampft«, flüsterte er mir zu.

Ich folgte meinem Gefühl und schmiegte den Kopf an seine Brust, wie ich es bereits in Dutzenden von Liebesfilmen gesehen hatte.

»Das geht noch besser.« Sein Mund berührte beim Sprechen meine Stirn und er hauchte einen flüchtigen Kuss darauf, als wäre es die natürlichste Sache der Welt.

Meine Knie wurden merkwürdig weich. Ich legte den Arm um seine Taille und drückte mich noch ein wenig enger an ihn.

»So ist es gut«, gab mir Wyoming leise zu verstehen. Seine samtig raue Stimme ging mir durch und durch. Er beugte sich zu mir, seine Lippen legten sich sachte auf meinen Mund und hinterließen eine warme Spur. Es war kein richtiger Kuss, nicht so, wie es auf Leinwänden gezeigt und in Büchern beschrieben wurde, aber es war das erste Mal, dass mich ein Mann auf diese Weise berührte. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, wollte, dass er es noch einmal tat. Stattdessen schenkte er mir bloß den Hauch eines Lächelns. »Ich hoffe, das war auf die Entfernung überzeugend genug.«

 

***

 

Zur verabredeten Zeit tauchte Ray ohne meine Freundin auf. Das beunruhigte mich. »Wo ist Heather?«, wollte ich von ihm wissen.

»Reg dich ab«, brummte Ray. »Sie ist mit Morris in der Halle.«

Er schnappte sich das Bier von Sam, trank es in einem Zug aus und drückte ihm die leere Flasche in die Hand, danach sprach er mit Wyoming.

Ich war schockiert. Auch wenn er sich bemühte leise zu reden, verstand ich jedes Wort. »Die Kleine geht ab wie Sau, Bro, und eine Jungfrau kann ich mir unmöglich entgehen lassen, wo sie gerade Betriebstemperatur erreicht hat.« Er grinste dreckig. »Sie bleibt die Nacht über hier. Fahren kann ich sowieso nicht mehr.«

Ray klopfte Wyoming auf die Schulter und verschwand genauso schnell, wie er gekommen war.

»Ich kann sie unmöglich mit dem Wilden allein lassen«, stammelte ich fassungslos.

»Der blufft nur.«

»Das sagst du so.«

»Wenn ich dir sage, dass er nur blufft, kannst du mir das ruhig glauben. Außerdem ist deine Freundin erwachsen und selbst für sich verantwortlich.« Wyoming schwieg einen Moment. »Vielleicht solltest du auch hierbleiben, bis der ganze Spuk vorbei ist. Ich traue der Ruhe nicht.«

»Mein Vater bringt mich um, wenn ich nicht nach Hause komme.«

Seine Augenbrauen schoben sich zusammen. »Dein Ernst?«

»Ja …«

»Verstehe.« Angespannt rieb er sich über die Stirn. »Sam? Crow? TC?«, rief er über die Feuertonne hinweg.

Neben Sam bauten sich zwei dunkelhaarige Hünen mit silbergrauen Schläfen auf. Sie waren nur anhand ihrer Tätowierungen voneinander zu unterscheiden. Wer von beiden auf den Namen Crow hörte, war nicht schwer zu erraten. Eine schwarze Krähe mit gespreizten Flügeln erstreckte sich über seinen gesamten rechten Arm. »Ohne euch werde ich die Kleine nicht hier rausschaffen können.«

Sie nickten einvernehmlich, stellten keinerlei Fragen, entfernten sich von uns, mischten sich mit Sam unter die feiernde Horde und postierten sich getrennt voneinander auf dem Gelände.

Wyoming legte den Arm um mich, als würden wir an einem schönen Sommertag durch einen Park spazieren – ein unbeschreibliches Gefühl und eine Vorstellung, die meinen Magen flatternd zusammenzog –, ehe wir uns langsam der Höhle des Löwen näherten.

Crows wachsame Augen fixierten uns. Er wartete, bis wir an ihm vorbeigegangen waren, dann folgte er uns in einigen Metern Entfernung.

Ich hielt den Atem an, während wir uns dem Eingang der Fabrikhalle näherten.

»Entspann dich, dir passiert nichts.« Wyomings mir inzwischen so vertraut gewordenes Flüstern und seine innige Umarmung beruhigten mich ein wenig, dennoch kam ich mir vor wie die unfreiwillige Hauptbesetzung in einem Gangsterfilm.

TC lehnte ein paar Meter weiter an einer Außenwand der Halle. Er trank an seinem Bier, stieß sich von dem Backsteingebäude ab und gesellte sich zu Crow.

Sam wartete in der Nähe der Motorräder. Er behielt uns genauso aufmerksam im Visier wie die beiden hinter uns und als wir um die Ecke bogen, wurde mir klar, dass Wyomings Sorge berechtigt war. Maroon lungerte mit einigen besonders schweren Jungs an der Toreinfahrt herum. Strategisch betrachtet der beste Punkt, denn alles, was rein oder raus wollte, musste an ihnen vorbei.

»Dachte ich mir.« Der Griff meines Geleitschutzes verfestigte sich. »Wenn sie uns die Nummer jetzt nicht abkaufen, bekommen wir ein echtes Problem.«

Die Welt außerhalb des Vakuums, in dem ich lebte, brachte Gefahren mit sich, auf die mich niemand vorbereitet hatte und denen ich allein nicht gewachsen war – eine weitere Erkenntnis, die mich zutiefst erschütterte.

»Ich hoffe, du hast keine Berührungsängste«, raunte Wyoming mir zu.

»Warum?«

»Die wollen was sehen.«

Argwöhnische Blicke beobachteten jeden unserer Schritte. Die körperliche Anspannung kroch mir bis in die Haarspitzen. Ich fühlte mich hoffnungslos überfordert.

 

Maroon stieß sich vom Zaun ab, seine Gorillas befanden sich gleich hinter ihm. Wie in Slow Motion kam die bedrohliche Formation auf uns zu.

»Was passiert jetzt?«, fragte ich ängstlich.

Wyoming wirkte gelassen, sagte nichts, drückte mir bloß einen Kuss auf die Schläfe. Neben seiner Maschine blieben wir stehen. Die South-Guardians bauten sich im Halbkreis vor uns auf. Einer von ihnen schnitzte mit einem Bowiemesser an einem Stück Holz herum, behielt uns jedoch dabei im Auge. Hinter uns brachten sich die Northwests in Position.

Meine Hände verkrallten sich im Gürtel meines Begleiters. »Ganz ruhig«, raunte er mir ins Ohr.

»Ich hab mich umgehört, Wy«, ergriff Maroon mit finsterem Blick das Wort. »Sie gehört nicht zu dir. Niemand kennt sie und die Regeln sind eindeutig. Der Blondschopf gehört mir.«

Wyomings hartes Lachen hallte durch die Nachtluft, die Northwests stimmten mit ein.

»Du hast uns nicht gefragt«, kam es von Sam. »Wir kennen die Kleine.«

»Seit wann?«, fragte Maroon spöttisch. »Seit heute?«

Crow trat aus dem Hintergrund und stellte sich neben mich. Er war gut zwei Köpfe größer als ich. »Seit gestern«, brummte er. »Ist die ganz große Liebe zwischen den beiden. Hat eingeschlagen wie ’ne Bombe.« Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite und fixierte den Bewaffneten. »Starkes Messer, Blue«, erklärte er abfällig. »Ich werde dir ein deutlich größeres in den Arsch rammen, wenn ihr uns nicht aus dem Weg geht.«

»Denkst du etwa, wir hätten Angst vor euch?«, spottete Maroon.

»Noch nicht, Babyboy, aber das lässt sich verdammt schnell ändern!«, erwiderte Crow. »Was glaubst du, wird euer Pres mit dir machen, wenn er erfährt, dass du die Old Lady eines Members angemacht hast?«

Zwei South-Guardians wichen nach seinen Worten einige Schritte zurück. Trotz Crows unterschwelliger Drohung schien Maroons Zorn ungebrochen zu sein. »Ich krieg dich, Wy, und danach hole ich mir die Kleine!«

»Versuchst du auch nur ihnen ein Haar zu krümmen, frisst du deine Patches und wirst Blackborrows nicht lebend verlassen«, sagte Sam beängstigend ruhig.

Die Auseinandersetzung sorgte für Aufmerksamkeit. Mich überkam das Gefühl, von allen Seiten beobachtet zu werden, und so war es auch.

Wyomings Arm bewegte sich von meinen Schultern weg zu meiner Taille und er zog mich an seine Brust. »Tut mir leid«, flüsterte er mir kaum verständlich zu, »aber die softe Nummer kauft uns niemand ab. Ich muss ein deutliches Zeichen setzen.«

Sein intensiver Blick ruhte auf mir und vermittelte mir eine Form von Urvertrauen, wie ich es bisher noch nie erlebt hatte. Im nächsten Moment spürte ich seine Hand auf meinem Po und er drückte mich so fest an sich, dass ich kaum noch Luft bekam. Mein Kopf schwirrte.

»Küss mich, als könntest du nicht ohne mich leben.«

Ungeküsst und vollkommen unberührt stand ich vor ihm, doch woher sollte er das wissen, wir kannten uns kaum und es gab sicher nur wenige Frauen, die in meinem Alter noch keinerlei körperliche Erfahrungen gesammelt hatten. Meine beschränkten sich auf handverlesene Bücher und Filme, wenn man von dem unangenehmen Gegrabsche des South-Guardians absah, der wutschnaubend keine drei Meter von uns entfernt stand.

»Ich habe noch nie …«, wisperte ich panisch.

»Ernsthaft?« Er schenkte mir ein sanftes Lächeln. »Vertrau mir, du kannst es …«

Wyomings Hand schlich sich in meinen Nacken, sein Daumen strich unendlich zart über meine Wange. Er beugte sich zu mir und verkürzte ganz langsam die letzte, minimale Distanz zwischen uns. Mein Herz schlug aufgewühlt in meiner Brust. Sein angenehmer Duft wehte mir entgegen und ich fühlte seine Lippen auf meinem Mund. Behutsam, zärtlich und weich küsste er mich. Einmal. Zweimal. Dreimal.

Mein Körper spielte verrückt. Ich schlang die Arme um seinen Hals, meine Finger streichelten seinen Nacken, vergruben sich in seinen dichten Haaren. Der Griff seiner Linken auf meinem Po verstärkte sich. Leise seufzend öffnete ich die Lippen, ließ mich auf ihn und das aufregende Spiel ein. Ich konnte nicht mehr denken. Alles, was in diesem Augenblick zählte, war dieses unbekannte, berauschende Gefühl, das Besitz von mir ergriffen hatte, und der himmlische Geschmack von Süßholz vermischt mit Minze auf meiner Zunge. Raum und Zeit zogen bedeutungslos an mir vorbei.

Als sich Wyoming von mir löste, war Maroon mit seiner Truppe und der Horde Schaulustiger verschwunden.

Es fiel mir schwer, mich wieder in der Wirklichkeit zurechtzufinden. Mein erster Kuss – schöner hätte ich ihn mir selbst in meinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können.

Wy schenkte mir erneut ein sanftes Lächeln. Ich senkte verlegen den Blick und biss mir auf die Unterlippe.

»Sicher, dass du vorher noch nie geküsst hast, Grace?«

Er stieg auf seine Maschine und deutete hinter sich. Ich folgte seiner Aufforderung, kletterte zu ihm auf die Harley und er gab mir seinen Helm, den ich mit gemischten Gefühlen aufsetzte. So ehrenhaft es auch von Wyoming war, mich nach Hause zu bringen, so wenig wollte ich dorthin zurückkehren.

In Begleitung von Sam, TC und Crow fuhren wir von Blackborrows aus über waldgesäumte Straßen, Serpentinen und freies Gelände nach Shellam zurück zum Deep River. Meine Hände ruhten entspannt auf dem Bauch des Guardians, mein Kopf an seinem Rücken und dieser unglaubliche Kuss geisterte in einer Dauerschleife durch meine Gedankenwelt, löste wildromantische Fantasien aus, die mich vollständig der Realität entzogen.

Nahe der Deep Falls stoppten wir kurz. Über seine Schulter hinweg schaute Wyoming mich an. Mit dem schwarzen Tuch vor dem Mund wirkten seine Augen noch prägnanter.

»Wohin soll ich dich eigentlich bringen?«, fragte er.

»Mein Wagen steht bei Heather in der First Street.«

»Und wo ist das?«

»In Charity.«

Seine Brauen schoben sich zusammen und er runzelte die Stirn, erwiderte allerdings nichts darauf.

»Bring mich einfach nur bis zur Stadtgrenze. Von dort aus ist es nicht mehr weit.« Mit ihm gesehen zu werden, wäre ohnehin mein Untergang gewesen.

Wyoming nickte und gab Gas. Sam, TC und Crow folgten uns. Ich hielt mich an dem Mann fest, der meine gesamte Welt aus den Angeln gehoben hatte, und versuchte zu verstehen, was mit mir geschah, warum ich fühlte, was ich fühlte.

Liebe auf den ersten Blick zählte nicht zu den romantischen Mythen. Das wusste ich, seit mich das tiefe Grün seiner Augen gefesselt hatte. Ich umklammerte den Northwest-Guardian noch fester, schmiegte den Kopf seufzend an seinen Rücken und hoffte, wir würden nie am Stadtrand von Charity ankommen. Ihn jemals wieder loszulassen, war unvorstellbar für mich, und doch kam dieser Moment viel schneller, als mir lieb war. Wenige Minuten später stoppte Wyoming die Maschine vor einem großen Schild, das die Ortszufahrt markierte.

Die drei Biker hinter uns wendeten und warteten mit laufenden Motoren. Ich musste mich zwingen, von der Harley zu klettern und den Helm auszuziehen. Mit zittrigen Fingern gab ich den Kopfschutz an seinen Besitzer zurück.

Wyoming setzte ihn auf, ohne mich anzusehen, dabei hatte ich gehofft, er würde absteigen und mich zum Abschied noch einmal so küssen, wie er es auf dem Fabrikgelände getan hatte, mir sagen, dass er dasselbe fühlte wie ich, und mich fragen, ob wir uns wiedersehen würden. Aber nichts von alldem geschah.

»Danke«, sagte ich mit schwacher Stimme. »Für … alles.«

Wyoming nickte bloß, schaute wie bei unserer ersten Begegnung vor einigen Stunden stoisch geradeaus und wollte losfahren.

Aus einem Impuls heraus legte ich meine Hand auf seinen Arm, strich über den weichen Stoff des Hoodies und von dort aus über seine Finger, die sich wie Eisenklammern um den Lenker schlossen. Er trug drei Ringe, die mir vorher nicht aufgefallen waren. Einen am linken Zeigefinger, der das Guardian-Symbol zeigte, und zwei schlichte schwarze am rechten Daumen und Mittelfinger. Auch das Tattoo auf seinem Handgelenk, das sich durch die nächtliche Straßenbeleuchtung teilweise erahnen ließ, hatte ich zuvor nicht bemerkt.

Lois … »Wer ist Lois?«, fragte ich leise.

 

Er schluckte, senkte die von langen Wimpern eingefassten Lider und erwiderte nichts darauf.

Der Kuss hatte uns nicht nähergebracht. Er blieb mir fremd. Trotz allem überkam mich eine wahnsinnige Angst, ihn niemals wiederzusehen. Tränen schlichen sich in meine Augen, trübten meine Sicht.

 

Wyoming nahm behutsam meine Hand, streichelte mit dem Daumen darüber und schob sie langsam von sich. »Vergiss, was passiert ist. Nichts davon war echt, Grace«, sagte er tonlos, gab Gas und verschwand mit seinen Begleitern in der Dunkelheit.